Eine offene Beziehung führen – Wie funktioniert das?

Eine offene Bezehung führen. Aber wie?
Evelyn und Tom – ihre Liebe beruht auf Freiheit und Kommunikation. © Chris Marten Photography

Evelyn und Tom sind Anfang dreißig und haben zwei Kinder. Seit zehn Jahren führen sie eine offene Ehe. Sie haben keine Geheimnisse voreinander, wollen alles wissen. Bei Kaffee und Rhabarberschorle erzählten sie mir, was diese Art der Partnerschaft für sie bedeutet, was Liebe und Eifersucht mit ihnen macht. Und vor allem: Was andere von ihnen lernen können.

Warum eine offene Beziehung führen?

Wir alle tragen ein Päckchen voller früheren Beziehungserfahrungen mit uns herum. Für Evelyn ist es geprägt von Verboten. Vor Tom war sie mit einem Mann zusammen, der ihr keinerlei Freiheiten ließ. Sie erzählt: “Ich durfte nicht mal jemand anders angucken. Es war absurd. Trotzdem habe ich es fünf Jahre lang mitgemacht.” Danach wollte sie nur eins: Frei sein. “Ich muss mich jetzt erstmal ausleben”, sagte sie zu Tom, als sie ihn mit Mitte zwanzig während des Studiums kennenlernte. Auch wenn sie damals schon merkte, dass sie eine besondere Verbindung hatten. Oder gerade deshalb.

Ich wusste, das wird was. Das war der Mann, mit dem ich Kinder haben und ein Haus bauen wollte.

Bis Tom ihr vorschlug: “Dann tob dich doch auch mit mir aus!” Gesagt, getan. Aus Sex wurde schnell eine Beziehung. Zwei Jahre später eine Ehe. Aber eine offene. Tom erzählt: “Ich habe eine Weile gebraucht, um mich mit dem Gedanken, eine offene Partnerschaft zu führen, anzufreunden. Aber Liebe definiert sich nunmal nicht durch Zwänge. Eine gute Beziehung auch nicht. Dass man sich etwas verbietet, um glücklicher zu werden – das ist doch paradox. Und überhaupt: Wieso soll man Regeln leben, die andere aufgestellt haben? Wieso soll man diese Regeln nicht in Frage stellen und für sich selbst neu definieren?”

Welche Schwierigkeiten bringt eine offene Beziehung mit sich?
„Wir wollen offen mit unseren Wünschen umgehen, anstatt sie zu verheimlichen.” © Chris Marten Photography

Als Symbol des gegenseitigen Freiraums, ließen sie während des Jaworts ihrer Hochzeit Tauben frei, anstatt sich durch das Anstecken der Eheringe knechten zu lassen, wie die beiden es ausdrücken würden.

Der Alltag in der offenen Beziehung: Reden, reden, reden

Wie sieht der Alltag einer offenen Ehe aus? Evelyn berichtet: ”Zu Hause mit unseren Kindern leben wir ein ganz klassisches Familienmodell. Es ist nicht so, dass wir ständig darauf aus sind, neue sexuellen Kontakte zu finden. Wenn sich die Gelegenheit ergibt und die Chemie passt, wird sie aber auch nicht ausgeschlagen. Und genau darum geht es: sich gegenseitig diese Freiheiten zu lassen. Aber dann auch offen darüber zu sprechen. Unsere Liebe beruht auf Kommunikation.“

Gerade zu Beginn mussten sie immer wieder austarieren, was für beide okay ist und was nicht. Gemeinsam haben sie Rahmenbedingungen und Ziele definiert: “Wir haben uns ehrlich eingestanden, dass jeder von uns auch andere Menschen attraktiv findet und sexuelle Erfahrungen außerhalb der Partnerschaft machen will. Wir wollen offen mit unseren Wünschen umgehen, anstatt sie zu verheimlichen. Wir leben sie gemeinsam, anstatt hinter dem Rücken des Partners.”

Eine offene Beziehung führen – Kann das gut gehen?
Evelyn und Tom sind ein starkes Team. Sehr vertraut. Sie lachen viel gemeinsam und bestärken sich gegenseitig in ihren Aussagen. © Chris Marten Photography

“Es gibt also keine Details oder Informationen, die bewusst weggelassen werden, um den anderen nicht zu verletzen?”, frage ich. Beide schütteln vehement die Köpfe: “Nein, wir machen genau das Gegenteil. Unsere oberste Regel lautet: Alles wird erzählt. Wirklich alles. Auch, wenn wir wissen, dass es dem anderen weh tut. Oder diese Gespräche den Abend versauen.”

Ohne Eifersucht und Regeln funktioniert es trotzdem nicht

Ist gnadenlose Offenheit der einzige Weg zu Intimität? Evelyn und Tom sind sich da einig: Lieber zu viel als zu wenig reden. “Wenn wir uns alleine mit jemandem treffen, sprechen wir danach bis ins kleinste Detail darüber. Wir analysieren das Treffen und werten es gemeinsam aus. Das geschieht nicht immer ganz ohne Eifersucht. Aber das ist nicht schlimm. Es geht nicht darum, dass es die Eifersucht nicht mehr geben soll. Vielmehr wollen wir lernen, mit ihr umzugehen”, erklärt Tom.

Wir suchen bewusst den Schmerz, den Eifersucht in uns auslöst. Weil es sich auf lange Sicht für die Beziehung lohnt.

“Sexuelle Abenteuer suchen wir aber auch oftmals gemeinsam”, fährt er fort. “Ihr geht also in Swingerclubs?”, frage ich. Evelyn schüttelt den Kopf: “Das Swingen haben wir ausprobiert, aber das ist nicht so unser Ding. Ich möchte beim Kennenlernen Bauchkribbeln haben. Ich will, dass mich mein Gegenüber versteht. Das fehlt mir bei einem Besuch im Swingerclub.” Evelyn und Tom haben ein Paar-Profil im JOYclub. Von Zeit zu Zeit daten sie hier andere Paare. Oder sie suchen sich spezielle Events heraus, die sie gemeinsam besuchen wollen.

Eine offene Beziehung: Welche Schwierigkeiten gibt es?
“Ja, wir führen eine offene Ehe. Nein, wir schlafen nicht mit jedem.” © Chris Marten Photography

Fremde Schmetterlinge im Bauch haben

“Ist es schon einmal vorgekommen, dass ihr euch in jemand anders verliebt habt?”, will ich wissen. Evelyn wird ein bisschen rot und erzählt: “Ja, das kommt vor – das mit dem Verlieben. Warum auch nicht? Schmetterlinge im Bauch sind ein tolles Gefühl. Es macht uns glücklich. Es tut uns gut. Aber es ist eben auch nur eine Phase.” Ich erinnere mich: Viele Wissenschaftler wissen schon lange, dieser Drogenrausch der Verliebtheit lässt nach ungefähr zwei Jahren wieder nach. Daraus resultiert entweder tiefe Liebe oder das Paar geht getrennte Wege.

Evelyn fährt fort: “Tom und ich haben diese tiefe Liebe. Wir haben ein starkes Fundament. Das ist der Grund, warum uns die eine oder andere Verliebtheit bisher auch nie etwas anhaben konnte. Denn: Rational weiß ich, dass das Verliebtsein immer wieder vorbei geht. Die Liebe zu Tom bleibt. Das will und brauche ich. Aber ich finde es auch nicht falsch, noch mehr zu brauchen. Für mich ist dieses ‘mehr’ der Reiz am Neuen. Und hin und wieder eben auch etwas zu begehren, das ich nie besitzen werde.”

Ich brauche dieses Kribbeln, das man nur spürt, wenn etwas neu und aufregend ist.

“Und dir ist das noch nicht passiert, Tom?”, hake ich nach. “Nö, ich habe doch die beste Frau an meiner Seite, die ich haben kann”, antwortet er grinsend und ergänzt: “Klar, gibt es die eine oder andere Frau, die ich attraktiv finde. Aber eine Frau müsste für mich schon echt viel mitbringen, um Evelyn ebenbürtig zu sein.” Jetzt wird Evelyn wieder ein bisschen rot.

Eine offene Beziehung: Was ist mit dem Thema Eifersucht?
Caro lauscht den beiden gespannt. © Chris Marten Photography

Wie offen die offene Beziehung nach außen tragen?

Wie bedingungslos ehrlich die beiden miteinander umgehen, finde ich beeindruckend. Verhält es sich dabei auch ähnlich mit Freunden und der Familie? “Wir haben mal den Versuch gestartet, mit der Familie über unsere offene Beziehung zu reden. Das wurde sehr unterschiedlich aufgefasst: Von ‘das geht gar nicht’ bis hin zu ‘das ist mir egal’ war alles dabei. Aber das ist auch in Ordnung und wird von uns genauso akzeptiert. Es ist ja auch nicht so, dass wir ständig mit anderen Partnern rumrennen. Zu Hause haben wir das klassische Familienleben.”

Evelyn und Tom öffnen ihre Beziehung von Zeit zu Zeit. Oft vergehen mehrere Wochen, bevor sie beide Lust haben, auf ein Event zu gehen und einem anderen Paar näher zu kommen. Weil sie sich genug sind. Oder weil sie wissen, dass sie Möglichkeit stets da ist. Viele sehen dies vielleicht als bequeme Hintertür an – immer mit einem Fuß raus aus der Ehe. Die beiden betrachten es einfach als erotisches Spiel, welches sie manchmal zu zweit, zu dritt oder zu viert spielen.

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6 Kommentare

  • Bei den meisten Partnerschaften funktioniert das nicht, da die Eifersuchtsrate zu hoch ist. Ich denke, dass wir Mitteleuropäer eher weniger für diese Art des Zusammenlebens geeignet sind. Ein gesundes Mittelmaß ist der Schlüssel zum Glück.

    • Und das dahinter liegende Problem ist doch genau eine mangelhafte Kommunikation, sowie eine (ich nenne es mal) Desinteressiertheit an der menschlichen Psychologie! Prinzipiell wäre ich auch an solch einem Beziehungsmodell interessiert, wie die beiden es leben, zugleich weiß ich aber auch, dass bei mir ebenfalls die Eifersucht aggressiv zu Werke gehen würde. Aus Erfahrung weiß ich aber auch, dass eine starke und vor allem ernsthafte und ehrliche Kommunikation dem (zumindest etwas) entgegenwirken kann. Also Paare, kommunziert doch endlich mal miteinander! Andererseits denke ich aber, auch Selbstvertrauen spielt eine große Rolle, welches bei den meisten Menschen scheinbar nur nach außen hin gut ausgeprägt und gesund erscheint (zugegeben, da will ich mich selbst mal nicht ausnehmen)!

  • Ich selbst führe so eine Beziehung und kann alles, was die beiden erzählen, absolut bestätigen. Es entzweit uns nicht – im Gegenteil, es bringt uns näher zusammen! Wir vertrauen einander mehr als viele es je könnten und das ist wunderschön.

  • … ich lebe dieses modell, aber es gibt nichts schlimmeres als sie auf ein date mit nem anderen verschwinden zu sehen, aller sex der welt kann das nicht ausgleichen!!! es ist furchtbar und man riskiert viel wenn man sich darauf einlässt, zum einen die partnerschaft weil einer es nicht aushält, zum anderen die eigene phsychische Stabilität und das gleichgewicht der lebensbahn. wir sind übermütig in dieses modell gegangen und es ist eine der schlimmsten erfahrungen meines lebens. ich würde alles dafür tun damit dieser alptraum endet, aber es gibt kein zurück…. ich kann nur jedem raten sich diesen schritt sehr sorgfältig mit allen konsequenzen zu überlegen, manchmal ist es besser man weiss nichts von den geheimnissen und dem „2. leben“ des anderen.

  • „Doch haben wir uns nicht geschworen uns nie zu schonen
    und das Beste gegenseitig aus uns rauszuholen?“, singen Shaban & Käptn Peng in „Sie mögen sich“.

    Ich lebe meine Beziehungen in genau diesem Geist und habe über die Jahre festgestellt, dass das nur in Verbindungen gut geht, in denen man den Trost, den man braucht, auch von der selben Person empfängt, die einen so herausfordert.

    Natürlich hat jeder seine eigene Verantwortlichkeit für Baustellen, alte Muster, Verlustängste und so weiter.

    Und ich meine damit bewusst nicht ein „der andere muss irgendwas tun (oder lassen), um den Schmerz in mir wegzumachen“. Im Gegenteil. Das ist mein Job.

    Aber mir dabei zur Seite zu stehen, schmerzhafte Gefühle zu begleiten und mir den sicheren Raum geben, in dem ich meine (alten) Wunden inspizieren und versorgen kann- das ist essenziell.

    Ich möchte diese Freiheit, diese Offenheit und gleichzeitig die so große Intimität und emotionale Treue nicht mehr missen- und bin sehr glücklich so 🙂

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