Me too. Auch wir haben etwas zu sagen!

#metoo Auch wir wollen nicht länger schweigen
Das Ziel von #metoo: nicht länger zu schweigen!© Unsplash/Alessandro Di Credico

Bei den Golden Globes trugen dieses Jahr (fast) alle Damen Schwarz, als Zeichen der „Time’s Up“-Bewegung. Wie schon bei #metoo geht es auch hier darum, aufzurütteln und zu zeigen, dass sexuelle Übergriffe gegen Frauen leider zum Alltag gehören – und dennoch verschwiegen werden. Als wir uns im Team über #metoo unterhielten, wurde klar, dass jede von uns schon etwas in dieser Richtung erlebt hat. Die eine extremer, die andere nicht weniger verstörend.

Seit Oktober 2017 äußern sich tausende Frauen unter der Flagge von #metoo zu ihren Erfahrungen mit Alltagssexismus und sexueller Belästigung.

Es heißt, es wird leichter, wenn man sich Sachen von der Seele schreibt. Also erzählen euch heute Caro, Liv und unsere Gastschreiberin Nadine von ihren Erlebnissen.

Liv: Ich saß im Sommer nach der letzten Vorlesung im Bus. Das Blümchenkleid klebte am Körper, Schweißperlen auf der Stirn. Irgendwann setzte sich ein älterer Mann mit einer dunklen Ledertasche neben mich. Die Tasche parkte er zwischen uns, viel zu nah an mir dran für meinen Geschmack. Nach ein paar Minuten fühlte ich plötzlich, wie mein Oberschenkel wärmer wurde. Zuerst dachte ich, es käme von dem Leder der Tasche. Doch es wurde immer wärmer und wanderte an meinem Oberschenkel auf und ab. Erst jetzt Begriff ich, dass der Typ die Tasche als Tarnung nutze, mich mit seiner Hand zu betatschen. Rauf und runter, rauf und runter.

Ich bekam kein Wort heraus, starrte ihn nur fassungslos an. Er starrte zurück und plötzlich wurde es wieder kühler. Nach ein paar Augenblicken stand er auf und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Ich starrte ihn die ganze Zeit über an. Erst an meiner eigenen Haltestelle wich die Schockstarre Wut und Tränen.  Danke, du Wichser, dass ich mich durch dein Verhalten für meine Art, mich zu kleiden, schämte. Danke, du Arschloch, dass ich mich immer noch über mich selbst ärgere, dich nicht vor dem versammelten Bus angeschrien zu haben. Danke, du Schwein, dass ich diesen Tag nie vergessen werde. Ich hasse dich.

Caro: In meiner Studienzeit arbeitete ich frei für eine kleine Tageszeitung. Dorffeste mit angetrunkenen, alten Männern gehörten bei meinen Aufträgen zur Tagesordnung. “Seit wann schreiben denn so hübsche Mädchen für die Zeitung?”, begrüßte mich der Vereinsvorsitzende eines Schützenvereins, über dessen Jubiläum ich berichten sollte. Ich lächelte. Als er mir beim Gespräch später viel zu nahe kam und seine Hand immer wieder auf mein Bein wanderte, rückte ich lediglich ein Stück von ihm weg. Und lächelte.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ steht dir zur Seite: Unter 08000 116 016 erreichst du anonym Hilfe – jederzeit!

#metoo - drei Frauen erzählen von ihren Erfahrungen
Ist ein Sommerkleid schon eine Einladung zum Grabschen? © Unsplash/Rodolfo Sanches Carvalho

Nadine: Die Stimmung war heiter, die richtige Mannschaft hatte das Bundesligaspiel in Dortmund für sich entschieden. Dass jeder Zentimeter der S-Bahn nach Ende des Spiels mit Fußballfans ausgefüllt war, ertrug ich aufgrund meines Stehplatzes neben der Tür tapfer. Nur wenige Fahrgäste verließen den Waggon an den nächstgelegenen Haltestellen, doch mehr und mehr stiegen ein. So wie Sie. Die gedrängten Umstände führten dazu, dass Sie unmittelbar vor meinem linken Oberschenkel stehen blieben. Mir zugewandt. Ihre schmächtige Statur wirkte auf mich unbedrohlich; ich dachte zumindest nicht daran, dass Sie mich zerquetschen würden. Ich rang mir sogar noch ein gequältes Lächeln ab, entschuldigend dafür, dass ja auch ich Ihnen in diesem Moment sehr nah kam. 

Eine weitere Haltestelle wurde passiert. Dann vernahm ich rhythmische Bewegungen an meinem linken Oberschenkel. Ich musste nicht nachsehen, um zuzuordnen, dass das Kreisen eindeutig von Ihnen ausging. Sie rieben doch tatsächlich Ihren Unterleib an mir! Und starrten mich dabei an. In diesem Moment erkannte ich die Dummheit, die Ihnen aus dem Gesicht sprang, und nahm meinen Mut zusammen. Ich sprach Sie lautstark an, ob Sie sich nicht benehmen könnten? Ich glaube, ich habe sogar das Wort “Bitte” verwendet. Die nächste Haltestelle, Ihr Ausstieg. Ich nehme an, nicht zufällig, Sie armes, armes Würstchen. Für Sie habe ich nur Kopfschütteln übrig – für mehr reicht es einfach nicht.

Me too - wieso sexuelle Gewalt nicht verschwiegen werden darf.
"Wieso hast du denn nichts gesagt?" © Unsplash/Caju Gomes

Caro: Da war dieser Typ auf der WG-Party. Wir flirteten. Irgendwann nahm er meine Hand und zog mich in ein ruhiges Nebenzimmer. Er wolle mit mir alleine sein, sagte er. Das war okay für mich. Ich fand ihn sympathisch. Mit seinen wilden Locken erinnerte er mich an meinen ersten Freund. Wir küssten uns. Irgendwann zog er sein Handy aus der Tasche und sagte: “Du bist so heiß, lass uns ein Selfie zusammen machen.” Ich fühlte mich geschmeichelt und grinste verlegen. Wieder küssten wir uns. Plötzlich schob er mein Kleid hoch. Es blitzte. Er hatte einfach ein Foto von meinem Höschen – unter mein Kleid – gemacht. Fassungslos schrie ich, dass er das sofort löschen solle.

Seine Antwort: “Chill doch mal. Ist doch nur ein Foto.”

Mir kamen vor Wut die Tränen. Ruckartig verließ ich erst das Zimmer und dann die Party. Als ich ihn einige Monate später zufällig auf der Straße traf, hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt. Warum ich es nicht tat? Ich weiß es nicht.

Nadine: Erst rückblickend habe ich einordnen können, was du mir in dieser Nacht eigentlich angetan hast. Wir waren schon länger zusammen. Du würdest präzisieren: so lange, dass ich des Öfteren deine Näherungsversuche beim Zubettgehen abgelehnt habe. Ich würde korrigieren: deine plumpen Avancen. Nicht selten führten jene Zurückweisungen zu unleidlichen Diskussionen, auch in dieser Nacht fandest du kein anderes Thema mehr. Deine Taktik: Zwischen den Vorwürfen einen neuen Nähe suchenden Anlauf wagen. Diese beeinflusste wiederum meine Taktik:

Es irgendwann geschehen, über mich ergehen lassen.  In der stillen Hoffnung, der Absurdität ein Ende zu setzen. Es heißt, im Nachhinein ist man immer schlauer. Doch auf folgende Fragen finde ich auch jetzt noch keine Antworten: Wie konnte es dazu kommen, dass ich das mit mir machen lasse? Weshalb habe ich es dir so einfach gemacht? Und warum hast du das auch noch ausgenutzt, du dämliches Arschloch? An dich verschwende ich seit Jahren keinen Gedanken mehr. Ich glaube sogar, ich habe dir nach all den Jahren irgendwie vergeben – mir für mein verwerfliches Verhalten jedoch nie.

Findest du dich in unseren Texten wieder?

    Liv: Zum Schluss möchte ich noch alle Jungs, Männern, Kerlen, Boys und Dudes grüßen, die denken, Cat Calling wäre großartig. Wie oft wurden mir Sprüche wie „Geile Titten!“, gerne auch mit dem Zusatz „Darf ich mal anfassen?“, betrunken zugegrölt. Dumme Anmachen von der Seite scheinen normal zu sein. Ihr fühlt euch stark genug in der Anonymität der Gruppe – oder seid benebelt vom Alkohol. Aber das ist keine Entschuldigung für mich, ich verzeihe euch nicht. Wegen euch überlege ich zweimal, welchen Weg ich abends nehme, welches Outfit ich anziehe, welche Bar ich besuche und ob ich nicht doch noch schnell die Straßenseite wechsle.

    Und ich möchte all den anständigen Männern danken, die sich eben nicht so verhalten. Für die es nicht ’normal‘ ist, eine Frau als untergestelltes Wesen zu betrachten und die all den Stimmen, die in den letzten Monaten laut geworden sind, Beachtung schenken und sie ernst nehmen. Danke – diesmal wirklich!

    Liebe Frauen, lasst euch niemals einreden, dass irgendeiner dieser Vorfälle doch nur „halb so schlimm“ sei, weil „ja nichts Ernsthaftes“ passiert ist. Es ist nie okay, sobald ihr euch nicht wohl fühlt!

    Rating: 4.8/5. Von 8 Gesamt.
    Bitte warten...
    Share on
    Tags
    lebt auf der süßen Seite des Lebens und begeistert sich für alles, was flauschig ist.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.